Diehl prüft Bau des „Flamingo“ in Deutschland

Gespräche über ukrainischen Marschflugkörper nehmen Fahrt auf

Der deutsche Rüstungskonzern Diehl Defence will die Möglichkeit prüfen, den ukrainischen Marschflugkörper FP 5 „Flamingo“ künftig in Deutschland zu produzieren. Damit steht erstmals ein Projekt im Raum, bei dem ein ukrainisches Flugkörpersystem in größerem Stil mit deutscher Industrie verknüpft werden könnte. Für die deutsche Sicherheits und Rüstungsdebatte wäre das ein bemerkenswerter Schritt.

Angestoßen wurde die Diskussion durch Aussagen von Helmut Rauch, dem Geschäftsführer von Diehl Defence, auf der Internationalen Luft und Raumfahrtausstellung in Berlin. Er machte deutlich, dass in den kommenden Wochen Gespräche mit dem ukrainischen Entwickler Fire Point beginnen sollen. Rauch formulierte die Lage vorsichtig, aber zugleich klar optimistisch. Wörtlich sagte er: „Wir führen derzeit Gespräche darüber, wie wir zusammenarbeiten könnten.“ Und weiter: „Ich glaube, das könnte wirklich klappen.“

Diehl sieht Chancen für ein neues Produkt

Die Aussagen aus dem Unternehmen deuten darauf hin, dass Diehl nicht nur an einer punktuellen Zusammenarbeit interessiert ist, sondern an einer strategischen Kooperation mit weiterem Potenzial. Rauch erklärte zudem: „Ich denke, wenn wir ein neues Produkt auf den Markt bringen, ist es sehr sinnvoll, es auch in Deutschland oder anderen Ländern anzubieten.“ Zugleich betonte er, der Konzern sei „optimistisch und positiv“ gegenüber dieser Idee eingestellt.

Damit wird deutlich, worum es in Wahrheit geht. Es geht nicht allein um Unterstützung für die Ukraine, sondern auch um die Frage, ob aus dem „Flamingo“ ein marktfähiges System mit europäischer Fertigung und möglicher weiterer Nutzung werden kann. Für Diehl wäre das die Chance, sich an einem Waffensystem zu beteiligen, das aus einem realen Kriegseinsatz stammt und damit unter ganz anderen Bedingungen entwickelt wurde als viele klassische europäische Projekte.

Der „Flamingo“ wurde als Hoffnungsträger vorgestellt

Der ukrainische Marschflugkörper wurde im vergangenen Jahr mit hohen Erwartungen präsentiert. Manche Beobachter sprachen sogar von einer „Wunderwaffe“. Diese Bezeichnung zeigt, wie groß die Hoffnungen waren, die an das System geknüpft wurden. Bislang konnte der „Flamingo“ diesen Anspruch jedoch nicht vollständig einlösen.

Vor allem bei der Zielgenauigkeit gab es Kritik. Genau hier liegt der entscheidende Unsicherheitsfaktor. Ein Waffensystem, das mit sehr großen Versprechen gestartet ist, aber in zentralen Fragen noch nicht restlos überzeugt, bleibt technisch wie politisch ein Risiko. Für einen deutschen Konzern wäre eine Beteiligung deshalb nicht nur eine Chance, sondern auch eine Wette auf die weitere Reifung des Produkts.

Europas Rüstungsindustrie arbeitet enger mit Kiew zusammen

Das mögliche Projekt wäre zwar besonders prominent, aber nicht völlig neu. Die Ukraine kooperiert bereits mit mehreren europäischen Rüstungsunternehmen. Laut Igor Fedirko, dem Chef des ukrainischen Verbands der Rüstungsunternehmen, wurden bereits 20 Vereinbarungen mit Konzernen in fünf europäischen Staaten geschlossen.

Schon heute werden in Dänemark, Großbritannien und Deutschland Flugdrohnen für die Ukraine produziert. Eine Fertigung des „Flamingo“ in Deutschland wäre jedoch deutlich gewichtiger. Denn hier ginge es nicht um ein Randprodukt, sondern um einen Marschflugkörper, also um ein System mit weit größerer militärischer und politischer Bedeutung.

Für Deutschland kommt das Projekt zu einem heiklen Zeitpunkt

Aus deutscher Sicht fällt die Debatte in eine Lage, in der eine empfindliche Lücke sichtbar geworden ist. Die Bundeswehr verfügt derzeit über keinen vergleichbaren Marschflugkörper. Eigentlich sollten zur Abschreckung gegen Russland ab dem kommenden Jahr amerikanische Tomahawk Marschflugkörper in Deutschland stationiert werden.

Doch diese Pläne wurden von US Präsident Donald Trump gestoppt, nachdem es zum Zerwürfnis mit Bundeskanzler Friedrich Merz über den Iran Krieg gekommen war. Damit fehlt Deutschland plötzlich ein Baustein, der sicherheitspolitisch fest eingeplant war. Genau deshalb wirkt die Debatte über den „Flamingo“ nun besonders brisant. Aus einer reinen Kooperationsidee wird auf einmal eine Frage möglicher eigener militärischer Fähigkeiten.

Größere Reichweite als der Tomahawk?

Besonders aufmerksam wird auf die angebliche Reichweite des Systems geschaut. Dem Bericht zufolge soll der „Flamingo“ eine Reichweite von bis zu 3.000 Kilometern haben. Das wäre deutlich mehr als beim US-Marschflugkörper Tomahawk, dessen Reichweite je nach Modell mit mehr als 2.000 Kilometern angegeben wird.

Ob diese Zahl beim „Flamingo“ tatsächlich belastbar ist, bleibt allerdings offen. Bestätigt ist die angebliche Maximalreichweite nicht. Dennoch sorgt gerade diese Behauptung für Aufmerksamkeit. Vergangenen Mittwoch griff die Ukraine eine Waffenfabrik im russischen Tscheboksary an, rund 900 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Solche Angriffe nähren natürlich Spekulationen, dass Kiew bereits über weitreichendere Systeme verfügt als lange angenommen.

Zwischen Industriepolitik und Abschreckung

Sollte die Produktion in Deutschland tatsächlich zustande kommen, hätte das mehrere Ebenen zugleich. Erstens würde die deutsche Rüstungsindustrie ihre Zusammenarbeit mit der Ukraine weiter vertiefen. Zweitens könnte Deutschland Zugang zu einem System erhalten, das in das eigene militärische Fähigkeitsprofil passt. Drittens hätte ein solches Projekt auch industriepolitische Bedeutung, weil neue Produktion, Know how und mögliche Exportperspektiven entstehen könnten.

Die wichtigsten Punkte im Überblick:

Diehl Defence will Gespräche mit Fire Point aufnehmen
Helmut Rauch hält eine Kooperation für realistisch
• Der „Flamingo“ gilt als eine der bekanntesten ukrainischen Eigenentwicklungen
• Es bestehen bereits 20 Kooperationsvereinbarungen zwischen ukrainischer Industrie und europäischen Rüstungskonzernen
• Für die Bundeswehr wäre ein solches System wegen der offenen Lücke bei Marschflugkörpern besonders interessant
• Die angebliche Reichweite von 3.000 Kilometern ist bisher nicht bestätigt

Ein mögliches Prestigeprojekt mit offenem Ausgang

Gerade weil der „Flamingo“ militärisch, technisch und politisch so aufgeladen ist, wäre eine deutsche Produktion weit mehr als ein normales Industrievorhaben. Es wäre ein Prestigeprojekt mit Signalwirkung. Allerdings hängt viel davon ab, ob die Leistungsdaten des Systems in der Praxis überzeugen und ob aus ersten Gesprächen tatsächlich eine belastbare Kooperation entsteht.

Fest steht schon jetzt: Die Diskussion um den „Flamingo“ zeigt, wie eng die europäische und ukrainische Rüstungsproduktion inzwischen miteinander verflochten werden. Für Deutschland könnte daraus nicht nur ein neues Industrieprojekt werden, sondern auch ein Baustein in einer veränderten Sicherheitsarchitektur.

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