Norwegen setzt bei Europas Strom auf Eigenversorgung

Oslo zieht bei neuen Stromverbindungen die Grenze

Norwegen verändert seinen Kurs in der europäischen Energiepolitik. Das Land will seine Wasserkraft künftig stärker für den eigenen Strommarkt einsetzen und die Rolle als Ausgleichspartner für andere europäische Staaten begrenzen. Besonders Deutschland könnte davon betroffen sein, weil es bei Engpässen auf Stromimporte angewiesen ist.

Energieminister Terje Aasland bezeichnete die Vorstellung, Norwegen könne dauerhaft als eine Art „grüne Batterie“ für Europa fungieren, als eine „fehlerhafte Idee“. Damit stellt Oslo ein Konzept infrage, das über Jahre als wichtiger Bestandteil einer stärker vernetzten europäischen Energieversorgung betrachtet wurde.

Norwegen verfügt dank seiner großen Wasserkraftreserven über besondere Möglichkeiten, Stromproduktion flexibel zu steuern. Gerade diese Eigenschaft macht das Land für den europäischen Strommarkt wichtig.

Neue Stromkabel stehen vorerst nicht auf der Agenda

Oslo will die Planung zusätzlicher Stromverbindungen nach Europa zunächst bremsen. Neue Unterseekabel sollen bis mindestens 2029 nicht vorangetrieben werden.

Hinter der Entscheidung stehen vor allem wirtschaftliche und versorgungspolitische Interessen. Norwegen möchte vermeiden, dass seine eigenen Wasserspeicher in Zeiten hoher Nachfrage im Ausland stärker geleert werden und die norwegischen Verbraucher gleichzeitig mit den Preisschwankungen des europäischen Strommarktes konfrontiert werden.

Stromverbindungen über Ländergrenzen hinweg funktionieren schließlich in beide Richtungen. Sie ermöglichen zwar zusätzliche Exporte, können aber auch dazu führen, dass nationale Strompreise stärker von Entwicklungen in anderen Märkten beeinflusst werden.

Für Oslo gewinnt deshalb die Frage an Bedeutung, wie viel der eigenen Flexibilität tatsächlich für andere europäische Strommärkte bereitgestellt werden soll.

Wasserkraft wird zum strategischen Trumpf

Norwegens besondere Stellung beruht auf seiner Wasserkraft. Stauseen können Stromproduktion vergleichsweise flexibel an die Nachfrage anpassen. Damit unterscheiden sie sich grundlegend von Wind- und Solaranlagen, deren Erzeugung unmittelbar von Wetter und Tageszeit abhängt.

Genau diese Flexibilität hat Norwegen für den europäischen Stromhandel interessant gemacht. Bei geringer Wind- und Solarproduktion kann Wasserkraft zusätzliche Mengen bereitstellen. Bei hoher Produktion aus erneuerbaren Quellen kann Wasser hingegen zurückgehalten werden.

Doch aus Sicht der norwegischen Regierung ist diese Funktion nicht automatisch mit einer Verpflichtung verbunden, jederzeit für andere Länder einzuspringen. Die Versorgungssicherheit im eigenen Land erhält offenbar höheres Gewicht.

Deutschland verliert einen wichtigen Puffer

Für Deutschland ist diese Entwicklung deshalb relevant, weil die heimische Stromproduktion zunehmend auf wetterabhängige Quellen setzt. Windkraft und Photovoltaik liefern große Strommengen, können diese aber nicht nach Bedarf erzeugen.

Besonders schwierig sind sogenannte Dunkelflauten. Dabei treffen geringe Windgeschwindigkeiten und wenig Sonneneinstrahlung aufeinander. In solchen Situationen müssen andere Kraftwerke, Speicher oder Stromimporte einspringen.

Deutschland hat seine konventionelle Stromerzeugung gleichzeitig erheblich reduziert. Die letzten deutschen Kernkraftwerke wurden im April 2023 abgeschaltet. Auch Kohlekraft soll langfristig weiter zurückgedrängt werden.

Damit steigt die Bedeutung flexibler Reservekapazitäten und internationaler Stromverbindungen.

Importabhängigkeit wird zum Problem

Die europäische Vernetzung kann Versorgungssicherheit erhöhen, solange ausreichend Strom in den Nachbarländern verfügbar ist und diese ihn auch exportieren wollen.

Genau hier liegt die Bedeutung der norwegischen Entscheidung. Ein Stromnetz kann fehlende nationale Erzeugung nicht unbegrenzt durch Importe ausgleichen, wenn die verfügbaren Exportmengen begrenzt sind.

Deutschland ist daher auf mehrere Quellen angewiesen: heimische Kraftwerke, erneuerbare Energien, Speicher und Stromimporte aus verschiedenen Nachbarstaaten. Fällt ein wichtiger Lieferant teilweise aus, muss die fehlende Leistung durch andere Kapazitäten ersetzt werden.

Das bedeutet nicht automatisch einen Stromausfall. Es erhöht jedoch den Druck auf die übrigen Erzeuger und kann in angespannten Marktsituationen die Preise beeinflussen.

Gas gewinnt als Absicherung wieder an Gewicht

Je weniger steuerbare Kraftwerksleistung zur Verfügung steht, desto wichtiger werden Anlagen, die kurzfristig hochgefahren werden können. Dazu zählen insbesondere Gaskraftwerke.

Deutschland plant deshalb zusätzliche flexible Kraftwerkskapazitäten. Sie sollen vor allem dann einspringen, wenn Wind- und Solarstrom nicht ausreichen.

Das führt allerdings zu einem grundsätzlichen Spannungsfeld: Kraftwerke, die nur während weniger Stunden oder Tage im Jahr benötigt werden, müssen trotzdem finanziert, gebaut und instand gehalten werden.

Neben den Kosten für erneuerbare Erzeugung, Netzausbau und Speicher entsteht damit ein zusätzlicher Bedarf an Backup-Kapazitäten.

Norwegen setzt weiter auf Öl und Gas

Parallel zur energiepolitischen Neuorientierung beim Strom hält Norwegen an seiner bedeutenden Rolle als Öl- und Gasproduzent fest. Das Land verfolgt weiterhin die Erschließung neuer Lagerstätten und setzt dabei unter anderem auf Gebiete in der Barentssee.

Die Regierung begründet diesen Kurs mit der Bedeutung von Energieversorgung und wirtschaftlicher Stabilität. Für Norwegen gehören fossile Energieträger weiterhin zu den wichtigsten Säulen der Volkswirtschaft.

Damit verfolgt Oslo einen anderen energiepolitischen Ansatz als jene europäischen Staaten, die ihre fossile Energieversorgung möglichst schnell zurückfahren wollen.

Europas Energiemarkt steht vor einem Zielkonflikt

Die norwegische Entscheidung macht einen grundlegenden Konflikt der europäischen Energiepolitik sichtbar. Einerseits soll der Strommarkt stärker grenzüberschreitend organisiert werden, damit Länder Produktionsschwankungen gegenseitig ausgleichen können.

Andererseits bleiben Energieversorgung und Infrastruktur nationale Sicherheitsinteressen. Staaten wollen ihre eigenen Verbraucher und Unternehmen auch dann zuverlässig versorgen, wenn internationale Märkte unter Druck geraten.

Norwegen verfügt mit seinen großen Wasserkraftreserven über eine Ressource, die in solchen Situationen besonders wertvoll ist. Die Regierung muss deshalb abwägen, wie weit diese Kapazitäten für den europäischen Markt geöffnet werden sollen.

Für Deutschland erhöht sich damit der Druck, eigene flexible Stromkapazitäten, Speicher und Netze auszubauen. Die Frage der Versorgungssicherheit lässt sich langfristig nicht allein durch die Annahme beantworten, dass Nachbarländer im Bedarfsfall genügend Strom liefern werden.

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